Godelef Kühl Strategie-Markt ERP, #digitalnormal, ERP-Auswahl

Warum der Niedergang von Windows den ERP-Markt revolutioniert

Windows ist tot. Gut, als Betriebssystem nicht wirklich. Aber als Produkt. Die einstige Cash-Cow des Microsoft-Konzerns ist das Opfer einer einzigartigen Disruption, die wir dem Internet zu verdanken haben. Und weil Satya Nadella nur zu gut weiß, dass im Internet-Zeitalter die alten Lock-in-Mechanismen nicht mehr funktionieren, hat er in den vergangenen zwei Jahren Microsoft radikal umorganisiert und erfolgreich den Wandel in Richtung Cloud und Services angetreten. 

So wurde eine ganze Abteilung, die über Jahrzehnte mit ihrem Monopol die Milliardengewinne ermöglichte, einfach wegorganisiert. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass man beim Lesen der Geschäftszahlen nun noch weniger versteht, was Monopolgewinne sind, und wie viel zukunftsträchtiges Cloud-Geschäft wirklich hinter all diesen 365-Anwendungen aus der Wolke steckt. 

Das wäre einen eigenen Beitrag wert, aber heute wollen wir uns nur der Frage widmen, was das denn nun alles mit dem ERP-Markt zu tun hat.

Meiner Auffassung nach kann man aus diesen radikalen Neuausrichtungen des einstigen Monopolisten viel für die Zukunft des Enterprise-Marktes herauslesen. 

Fangen wir mal mit einer uneingeschränkt positiven Nachricht an: Alle Monopole der IT-Industrie sind endlich. Ob Nixdorf, IBM oder nun Microsoft – in der IT gibt es keine Ewigkeit. Das mag uns auch bei den Überlegungen für die ERP-Welt von morgen trösten. 

Natürlich ist da draußen noch ganz viel SAP. Aber das echte Wachstum ist trotz aller Zukäufe aus den Monopolgewinnen eher bescheiden. Die Storys über merkwürdige Lizenzierungspraktiken  passen in dieses Bild.

Häme ist gar nicht Gegenstand dieses Beitrags. Aber wer hinsehen will, sieht die typischen Verhaltensweisen eines Monopolisten, der sich wehrt. So ein wenig wie Microsoft in den Ballmer-Jahren. Der Markt verändert sich.

Wir lernen aber noch mehr aus dem Windows-Niedergang.

Windows ist ja nicht einfach weg. Da ist jetzt etwas Neues. Natürlich, zunächst einmal einfach der Browser, der in seiner universellen Lauffähigkeit das Client-Monopol killte. Und da sind die ganzen Smartphones und Tablets, die im Stillen auch den Enterprise-Markt revolutionieren. Ganz ohne Windows. Nadella hat das gut erkannt.

Sein Quick-Win waren die Office-Anwendungen aus der Cloud, die auch mobil genutzt werden konnten. Und seine Strategie ist clever. Wenn ich das Device nicht (mehr) beherrsche, muss Microsoft für ein kommendes Monopol die Enterprise-Anwendungen als Services anbieten und damit den Zugang kontrollieren. Azure und alle diese AI- und KI-Services lassen erkennen, wo die Reise hingehen soll. 

Da hat er noch viel Arbeit vor sich, aber Microsoft ist seiner Zeit – und das ist das eigentlich Überraschende - weit voraus. Gut, Amazon war in der Cloud deutlich schneller, aber Microsoft kann dieses Rennen dank des vorhandenen Software-Stacks und der starken Stellung im Enterprise-Markt durchaus noch gewinnen. 

Für den ERP-Markt ist das unerheblich. Der stolpert – insbesondere in Deutschland – bereits an der ersten Hürde, nämlich dem gewandelten Weg der Applikationsbereitstellung. 

Während wir bei godesys mit der Ankündigung unserer neuen Virtual Workspace Technologie nach einer mehrjährigen Umbauphase nun alle unsere Kernanwendungen – also ERP, CRM, DMS und BI – einheitlich über den Browser bereitstellen, hadert die Mehrzahl unserer mittelständischen Marktbegleiter noch mit dem Versuch, die eigene ERP-Applikation überhaupt zu modularisieren. 

Nur welcher Anwender will denn heute noch einen ERP-Monolithen mit den Bedienkonzepten der Neunzigerjahre konsumieren? Das Nutzerverhalten und damit Programmvorlieben wandeln sich heute im gleichen Tempo wie Teenie-Lieben. 

Das hat übrigens auch Satya Nadella erkannt und eine seiner neuen Divisions daher treffend „Experiences & Devices“ genannt. Die Bewertung der Microsoft-Erfolge auf dem Gebiet der Nutzererfahrung überlasse ich Ihnen. Aber für den ERP-Markt liefert diese Entscheidung Erkenntnisse.

Wer „Experiences und Devices“ verkaufen möchte, benötigt dazu Programme. Business-Nutzer benötigen nun einmal nur dann ein Device, wenn darauf eine für den Unternehmensnutzen sinnvolle Anwendung läuft. 

Zu Zeiten des Monopols durften Wettbewerber diese Leistungen getrost verkaufen. Immer wenn „Growth" auf der Agenda stand, hat Microsoft einfach die Verzahnung mit dem Betriebssystem – also das Monopol – ausgespielt und weiteres Wachstum generiert. 

Im Smartphone-Markt hat Google das kommen sehen und mit Android rechtzeitig eine Vormacht verhindert. So wurden die Endgeräte aus der jahrelangen Rolle des Gewinnlieferanten herausgewunden. Am besten erkennbar ist das daran, dass auch das Intel-PC-Monopoly und damit eine gesamte Branche seit einigen Jahren straucheln, weil die zwei bis dreijährigen Updatezyklen Geschichte sind.

Ersetzt worden ist das Ganze durch Services – also Software-Programme, die über das Internet geliefert werden. Das Bereitstellen cloud-basierter Services hat eine neue Softwareindustrie hervorgebracht, die das oben angesprochene Nutzerverhalten stark verändert hat. 

Wenn Anwender heute Services einfach ausprobieren können und sich jeweils für die beste Alternative entscheiden, dann schafft das einen starken Wettbewerb, den der Anbieter, der die beste Nutzererfahrung liefert, gewinnt. 

Das verändert den konservativen ERP-Markt bereits heute. So werden z. B. für Versand, Zahlungsabwicklung oder Marketing schon jetzt ERP-Umgebungen einfach mit Services aus der Cloud ergänzt. Das gilt zwar nicht für alle ERP-Hersteller, einige setzen auch auf das ja gerade wieder modern werdende Konzept der Zollschranke. 

Aber diese Entwicklung lässt sich nicht wirklich aufhalten. Die Nutzung von Microservices, Rest-APIs oder was auch immer steckt im professionellen ERP-Markt noch in den Kinderschuhen, aber die Wachstumsraten deuten darauf hin, dass die Pubertät einfach übersprungen wird.

Das Paradigma der Zukunft ist für den Suchenden sichtbar: Die ERP-Systeme werden zur Plattformen, die Services für Geschäftsnutzen anbieten. Meint ja jetzt sogar der Bitkom.

Dafür muss man das ERP-System aber erneut umbauen. Microservices benötigen eine serverbasierte Architektur, die nochmals deutlich kleinteiliger ist, als das was als Anforderung aus der Modularisierung kommt. Das wird in den nächsten Jahren ein munterer Verteilungskampf. Weil so ein Umbau nicht nur Geld und Kraft, sondern vor allem Zeit, kostet. Und das gerade jetzt, da man absehen kann, dass Zukunftsfelder wie IoT, AI oder Cloud auch vom ERP-Markt beantwortet werden müssen. 

Damit steuert die Branche sehenden Auges auf den größten anzunehmenden Verkehrsunfall ihrer Geschichte zu. Will das ERP seine Vormachtstellung als „single point of truth" im Unternehmen verteidigen, müssen diese Kraftanstrengungen erbracht werden. 

Gleichzeitig entstehen aber mit  Blockchain und vielen anderen Techniken Disruptionspunkte in einem Markt, der bisher Innovationen eher zögerlich umgesetzt hat. ERP-Anbieter haben über die Jahre gelernt, das eine zurückhaltende „Me too“-Strategie Investitionssicherung bedeutete, weil der eigene Anwender eben auch im Vendor-lock-in gefangen und ein Produktwechsel zu teuer war. Dies verändert sich gerade. 

Heute kann man Teillösungen technisch relativ leicht integrieren, somit Migrationsrisiken senken und schnell innovieren.

Wird Zeit, dass wir ERP-Hersteller aufwachen, es ist gerade wieder spannend im Markt.

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