Hans-Jürgen Zinn Blog ERP System

Geschäftsalltag ohne ERP – ein Gedankenexperiment

Können Sie sich noch an Begriffe wie MRP oder Material Requirements Planning erinnern? Als sich die Industrie in den 70er-Jahren rasant weiterzuentwickeln begann, Produktion, Materialbeschaffung und Co. wuchsen, erblickten diese Rechenprogramme das Licht der Welt. Mit ihnen wollten vor allem Großkonzerne Abläufe in Herstellung, Einkauf und Lieferung verbessern, Daten zusammenführen und Bestände reduzieren.

MRP kann also als Vorfahr, sagen wir Großvater, unserer ERP-Systeme bezeichnet werden. Der große Unterschied zum Enterprise Resource Planning, wie wir es heute kennen – ein Begriff übrigens, den es erst seit den 90ern gibt: MRP war so teuer in der Implementierung, dass sich nur wenige große Firmen die Anschaffung leisten konnten. Erst in den 2000er-Jahren waren ERP-Systeme zur Alltagstechnologie für unterschiedlichste Branchen und Firmengrößen geworden, die nun auch Funktionen für Finanzen und Rechnungswesen, Personal- und Projektmanagement, Supply Chain Management, Customer Relationship Management (CRM) und Business Intelligence (BI) aufwiesen. Und die Entwicklung steht nicht still: Denken Sie nur an die mobilen Apps und Cloud-Möglichkeiten moderner Geschäftssoftware, nicht zu vergessen die Diskussionen um Aspekte wie Künstliche Intelligenz oder Sprachsteuerung.

Geschäftsalltag ohne ERP nicht mehr vorstellbar

Warum ich diese Meilensteine in der Geschichte der ERP-Systeme skizziert habe? Ich habe mich gefragt, wie unser Geschäftsalltag eigentlich ohne derart smarte Software aussehen würde. Zunächst einmal: godesys als ERP-Anbieter und Experte auf diesem Gebiet würde es wohl gar nicht geben. Aber auch die Geschäftswelt, wie wir sie heute kennen, würde sich ganz anders gestalten. Hier kommen wir zur Henne-Ei-Diskussion: Ohne ERP kein digitaler Wandel, ohne Digitalisierung keine ERP-Revolution.

Nehmen wir godesys als Beispiel: Wir haben mittlerweile neun Standorte. Allein Bereiche wie Kundengewinnung oder Kundenverwaltung sind ohne unterstützende IT schier unvorstellbar. Wie ließen sich die vielen Kundeninformationen aller Standorte in einer Kartei zusammentragen, orchestrieren, übersichtlich gestalten? Manueller Aufwand, Papierbedarf und Mitarbeiterressourcen würden immense Höhen erreichen.

Gehen wir in den Bereich des Customer Relationship Managements, das heute vielerorts so wunderbar und nahtlos mit dem ERP verknüpft ist. Sollen wir wieder dicke Kataloge verschicken, damit sich Kunden über neue Produkte informieren und einen Einblick ins Portfolio erhalten können? Diese Zeiten wünscht sich wohl niemand zurück.

Allround-Talent ERP

Stichwort Lagermanagement: Ohne ERP müssten wir auch hier vermehrt zu Zettel und Papier greifen, um zu dokumentieren, welche Waren sich in den Regalen befinden. Wer herausfinden möchte, wo Engpässe bestehen und Nachbestellungen nottun, muss diese Informationen manuell recherchieren – ein langwieriger, aufwändiger Vorgang. Von Ungenauigkeiten und hohem Fehlerpotenzial gar nicht zu sprechen. Automatisierte Bestands- und Warenführung, verknüpft mit Auftrags- und Kundenmanagement, Finanzbuchhaltung, Webshop und Co. möchte heute niemand missen. Mit wenigen Klicks lassen sich dank ERP Bestellungen initiieren, Lieferanten informieren, Rücklieferungen organisieren, die Herkunft von Produkten rückverfolgen und Kundeninsolvenzen überprüfen.

Immenser Abstimmungsaufwand

Zudem muss kein Mitarbeiter persönlich ins Lager gehen, um zu überprüfen, ob ein Artikel vorrätig ist. Oder stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten jedes Mindesthaltbarkeitsdatum eigenhändig überprüfen. Sie müssten Lieferscheine und Rechnungen tippen. Es käme zu viel mehr Abstimmungsprozessen, egal ob persönlich oder am Telefon. Zeit- und Mitarbeiteraufwand wären immens. Viele Abläufe, die heute selbstverständlich zum Berufsalltag gehören, würden einfach nicht funktionieren. Ohne ERP wäre so manches schwieriger, schwerfälliger und langsamer.

Auch Omnichannel und E-Commerce, KI und ML wären in ihrer heutigen Form nicht möglich, denn all diese Trends benötigen eine solide Datenbasis. Weitere Punkte, die ich nicht vergessen möchte: Ohne ERP wären Reklamationsraten wesentlich höher, Produktionszyklen deutlich länger, und wir müssten viel häufiger mit Bargeld bezahlen. Wir müssten sehr, sehr viele Informationen manuell weitergeben, eine unfassbar komplizierte und langwierige Zettelwirtschaft.

Hamsterrad des Fortschritts

Doch Halt, haben die Annehmlichkeiten moderner Technologien nicht auch dazu geführt, dass alles immer schneller und hektischer wird? Immer neue und schlauere Systeme sorgen schließlich auch mit dafür, dass Erwartungen und Wettbewerbsdruck stetig steigen. Es fehlt Zeit zum Durchatmen und Innehalten. Moderne IT ist Fluch und Segen zugleich. Viele Kunden, aber auch Händler haben keine Geduld, etwas länger auf eine Ware zu warten. Da die IT uns so viele Routineaufgaben abnimmt, werden wir bequemer und ungeduldiger. Wir nehmen vieles als gegeben hin. Auch derartige Aspekte dürfen in diesem Gedankenspiel Beachtung finden. Ja, die Vernetzung von Daten, der Zugriff auf stets aktuelle Informationen und moderne IT nehmen uns viel Aufwand ab. Wir müssen aber behutsam und durchdacht vorgehen, damit wir uns nicht im Hamsterrad des Fortschritts verlieren.

Nein, wir wünschen uns keineswegs in die Zeiten ohne ERP, CRM oder BI zurück. Ich wünsche mir aber, dass wir ab und zu einmal darüber nachdenken, was wir wirklich wollen und brauchen.

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