Mathias Schwaben Einsichten ERP, ERP-Einführung, Digitale Transformation

Die Seelenqualen des Norbert F. - Teil 6

Ein Schuss vor den Bug

Was zuvor geschah:

Norbert F., IT-Leiter eines inhabergeführten Unternehmens mitten im Schwarzwald, führt ein neues ERP-System ein. Nach vielen Meetings und Beschlüssen und den Gesprächen mit verschiedenen Anbietern muss Norbert F. alle Abteilungen ins Boot holen, insbesondere das Marketing. Doch vorher bekommt er einen deutlichen Schuss vor den Bug.

Ein Schuss vor den Bug

Auf dem Firmenparkplatz der TöPf GmbH, kurz nach zehn Uhr morgens. Norbert F. schloss seinen Wagen ab.  Er war zuvor noch beim Arzt, daher war er heute deutlich später dran. Sein Blutdruck war in letzter Zeit recht hoch und sein Puls, so schien es ihm, glich dem eines Kolibris. Die erste Frage in der Praxis: „Haben Sie gerade besonderen Stress?“.

Und Norbert F. musste sich eingestehen, dass die anstehende ERP-Einführung ihm doch mehr zusetzte, als er es wahrhaben wollte. Schon vor einigen Wochen, als er mal wieder mit seiner Tochter den Bachelor geschaut hatte, hatte er ja gemerkt, dass er auch zu Hause das Projekt ständig im Kopf hatte. Das war sonst eigentlich gar nicht seine Art. Auch als er vor einigen Wochen von der Arbeit nach Hause fuhr, wurde ihm bewusst, dass er ständig die Buchstaben ERP im Kopf hatte. Als er an der roten Ampel stand, entdeckte er die Werbung des ansässigen Yoga-Studios. Das Plakat versprach „Ausgleich“ und die „Befreiung von jedem Stress“. Spontan ging er hin, ließ sich kurz beraten und schon war er neues Mitglied. 

Viele Stunden hatte er inzwischen ja noch nicht gehabt und er wusste auch nicht, ob das wirklich das Richtige für ihn war, aber es war ein gutes Gefühl, überhaupt etwas zu tun. Er ging unwillig hin, musste sich jedes Mal ganz schön überwinden, aber er ging. Er lag, stand und beugte sich, machte den „Herabschauenden Hund“ oder das „Happy Baby“, versuchte dabei 90 Minuten lang konzentriert – wie alle anderen, da war er sich sicher – keinen fahren zu lassen und sehnte das „Savasana“ heran, die „Tote Mann Stellung“, das wenigstens konnte er ganz gut. 

Seinem Blutdruck half das alles bislang nicht. Genau deswegen war er ja auch gerade beim Arzt gewesen. Er stand also nun auf dem Parkplatz, atmete noch einmal tief durch, schenkte sich ein inneres Lächeln und ging los in Richtung Haupteingang. 

Um diese späte Zeit erwartete er auf diesem Weg niemanden zu treffen, da fuhr ein Mazda MX5 in Weiß mit dem Aufkleber „Fungirl“ recht flott an ihm vorbei und parkte so auf zwei Gästeparkplätzen, als wäre es die Aufgabe, die Trennlinie zwischen den Beiden möglichst mittig mit dem Wagen zu bedecken. 

Es war Dorothea M., die Marketingleiterin der TöPf GmbH, die sich da aus dem Sportwagen schwang. Schwingen war aber womöglich der falsche Ausdruck. Es sah fast etwas putzig aus, wie sie sich da aus dem tief liegenden Gefährt heraus stemmte, aber putzig oder niedlich waren keine Attribute, die Norbert F. ihr gegenüber empfand. 

Sein Kolibri-Puls wurde gerade aktiviert, als wäre es ein Detektor für all die Faktoren, die gerade seine Seele belasteten. Das wunderte ihn nicht. Mittags um 14 Uhr sollten heute die beiden aufeinander treffen, Thema Pflichtenheft. Jetzt aber huschte sie erst einmal ins Gebäude und sah sich auch nicht um. 

Als kurz darauf Norbert F. durch den Haupteingang schritt, hörte er nur noch das Hallen der hohen Absätze im dritten Stock. Der Aufzug musste mal wieder hängen, sonst wäre sie niemals gelaufen, dachte er. Da! Schon wieder schlug sein Pulsdetektor an. Dieses Mal gab seine Nase den Befehl. Sie roch das Rasierwasser von Herrn Töpf, Norbert F. war nicht gerade scharf darauf, dem Chef zu begegnen, wenn dieser gerade einen seiner Rundgänge machte. Norbert F’s Büro war zum Glück im Erdgeschoss und so huschte er rasch ums Eck in sein Büro.

„Guten Morgen!“. Touché. Was zum Teufel machte Töpf da in seinem Büro? Er stand da, schaute aus dem Fenster und wies nebenbei kurz auf seine Uhr. Dann drehte er sich um und schaute auf das große Whiteboard mit Skizzen, Symbolen und Berechnungen. 

„Na, wenn Sie so arbeiten können.“. „Äh, ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, Sie jetzt hier in meinem Büro zu treffen“. „Nun, ich hatte schon damit gerechnet, Sie zu treffen. Schon zwei Mal, das erste Mal, als ich um halb neun hier war, das zweite Mal um halb zehn und nun hat es ja geklappt“, erwiderte Herr Töpf und machte dabei ein paar Schritte quer durch das Büro in Norbert F’s Richtung und sagte ihm in die Augen schauend „Es geht um Ihr ERP-Projekt. Wir hatten ja besprochen, dass Sie mit viel Sorgfalt auf die Wünsche des Marketings eingehen“.

„Aha. Daran kann ich mich gar nicht erinnern“, erwiderte Norbert F., der genau wusste, dass es ein solches Gespräch nie gegeben hatte. „Das ist aber gar nicht gut, Herr F.“ Norbert F. kochte. „Ich dachte, da seien wir uns einig“, schlug Herr Töpf in die gleiche Kerbe und zementierte seine Realität. 

„Herr Töpf, wir führen ein neues ERP-System ein. Es geht um das Herz für das ganze Unternehmen. Wir können nicht jetzt schon CRM-Funktionalitäten nach Frau M’s Wünschen in den Vordergrund stellen! Das ist wie das Pferd von hinten aufzäumen.“.

„Ist das so?“, fragte Herr Töpf: „Sie sagen also, dass wir dann besser das alte ERP behalten und uns vielleicht nur auf das CRM konzentrieren sollten? Vielleicht haben Sie Recht. Ich kann Ihre Liebe zu Technik und Details ja verstehen, Herr F., so sind Informationstechniker nun Mal, aber wir müssen hier auch einfach verkaufen und das macht das Marketing. Warum verstehen Sie das nur nicht?“.  

„Das habe ich nie gesagt!!!“ schrie Norbert F., packte den alten Töpf an seiner Krawatte aus den 80ern, zerrte ihn daran aus dem Büro, quer durch die Empfangshalle zur Tür und beförderte ihn erbarmungslos mit einem beherzten Tritt die drei hohen Eingangsstufen hinunter. 

„Herr F.?“. Norbert F. blinzelte kurz. Es war wieder so ein kurzer Tagtraum. „Äh, ok Herr Töpf, ich spreche mit Frau M., wir haben heute eh einen Termin um zwei“. „Gut, Herr F. gut, gut, dann verstehen wir uns.“

Fortsetzung folgt!

 

Lesen Sie hier was bisher geschah:

Die Seelenqualen des Norbert F., IT-Leiter, Teil 1

Die Seelenqualen des Norbert F., IT-Leiter, Teil 2

Die Seelenqualen des Norbert F., IT-Leiter, Teil 3

Die Seelenqualen des Norbert F., IT-Leiter, Teil 4

Die Seelenqualen des Norbert F., IT-Leiter, Teil 5

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